Und plötzlich sah die Welt ein wenig anders aus. Natürlich wollten die Hersteller der Software und Betreiber des Netzes ihren Teil des Kuchens erhalten. ICQ war in Version 4 bereits so überladen und auf qnietschbunt getrimmt, dass allein der Gedanke an diese Zeit ein wenig beschämend ist. Es ist natürlich nichts falsches daran, die Oberfläche ein wenig ansprechender zu gestalten, aber die permanente Flash-Werbung, die mittels Trident-Engine (also Internet-Explorer, damals noch Version 6) eingebunden wurde ist mir heute noch unangenehm im Gedächtnis.
ICQ wurde immer ablenkender, und so probierte man den ein oder anderen anderen Klienten aus, was natürlich den Nutzungsbestimmungen widersprach. Macht aber nichts, denn die Nutzungsbestimmungen von ICQ enthalten meiner Meinung nach einen der missverständlichsten Absätze, die ich je in solchen Bestimmungen gesehen habe, aber keine Sorge – das ist kein Alleinstellungsmerkmal von ICQ (Acceptable Use Policy (20. März 2011)):
You agree that by posting any material or information anywhere on the ICQ Services and Information you surrender your copyright and any other proprietary right in the posted material or information. You further agree that ICQ LLC. is entitled to use at its own discretion any of the posted material or information in any manner it deems fit, including, but not limited to, publishing the material or distributing it.
Mit dem aufkommen an Kritik und dem Wunsch nach verschlüsselter Übertragung – ungefähr zu dieser Zeit begann sich in den Köpfen vieler übermäßigen PC-Nutzer ein Sicherheitsbedürfnis auszuprägen – konnte Skype punkten. Skype hatte zwar schon 2003 seinen großen Auftritt, war aber vor allem komfortabel, da man nicht nur werbungsfrei (mittlerweile gibt es Werbung im Home-Bereich) chatten konnte, sondern auch kostenlos weltweit telefonieren, ohne hierfür auf einen öffentlichen Teamspeak-Server etc. gehen zu müssen. Jedoch hat Skype ein großes Manko, Nachrichten werden nicht übertragen, wenn das Gegenüber nicht online ist. Und damit fängt das Problem an.
Wenn man in Skype tatsächlich stets im Kontakt mit seinen selbigen bleiben will, muss man online sein. Die Verlockung, Skype im Hintergrund laufen zu lassen ist somit größer als bei ICQ oder einem E-Mail-Programm oder gar der Übersichtseite eines sozialen Netzwerks.
Und damit, damit fängt das Problem erst wirklich an. Nicht alleine auf Skype bezogen, keineswegs. Aber IM verringert das Bedürfnis, den PC abzuschalten. Der psychologische Effekt des Onlineseins kehrt sich nach und nach um. War es zunächst eine angenehme, befriedigende Erfahrung, die man mit IM machen konnte, wird, insbesondere, wenn man einen Kontakt nur via Nachrichtensofortversand erreichen kann, die Belastung immer größer, der Zwang, online zu sein, immer stärker. Spätestens wenn man dabei angekommen ist, die Updates auf Facebook, meinVZ oder wkw die ganze Zeit im Auge zu behalten, stimmt etwas nicht. Und meistens sind es gerade die IM, welche den Einstieg dazu gegeben haben.
Aber selbst, wenn man nicht auf sozialen Netzwerken eine Art virtuellen Bademeister spielt, der die Aufsicht über Informationen haben will, passiert es häufig, dass man anfängt, mehr Programme im Hintergrund laufen zu lassen. Dadurch wird man unter Umständen aus einem produktiven Fluss herausgerissen, sei es bei Hausaufgaben, der Steuererklärung, einer Semesterarbeit, oder einer Fotocollage, welche durch das aufpoppende Nachrichtenfenster vollständig verdeckt wird. In den meisten Fällen verliert man sogar den Fokus und vertieft sich in ein Gespräch, und findet anschließend den Faden nicht mehr, den man abarbeiten muss, um sein Projekt zu vervollständigen, obwohl man eigentlich nur noch fünf Minuten Zeit gebraucht hätte.
Instant-Messegenger sind Zeitfresser, aber auf subtile Art und Weise. Sie stehlen sich in unser Bewusstsein, bleiben dort haften. Ich für meinen Teil habe meinen PC teilweise angelassen während ich für ein paar Stunden aus dem Haus ging, nur, um via Skype erreichbar zu sein. Mittlerweile verweise ich, wenn man mich erreichen will, auf meine E-Mail-Adresse oder auf meinen Anrufbeantworter, oder, wenn es wirklich instant sein soll, auf mein Handy und habe meine Instant-Messenger abgeschaltet oder in einem störungsfreien Modus, solange ich an etwas wichtigem arbeite. Und wenn man nichts am PC zu tun hat und niemand online ist, mit dem man sprechen will, warum nicht einfach Mal den PC ausschalten?



Zeit an sich ist etwas merkwürdiges. Sie ist manchmal wie ein Meer, welches mit sanften Wogen an unseren Strand grenzt. Manchmal ist das Wasser nah am Haus der Subjektivität, wird uns überdrüssig, kommt der Sandburg der Langweile gefährlich nahe oder überrollt sie, besonders in Momenten, in denen uns das Warten schwer fällt. An anderen Tagen jedoch zieht die Ebbe das Wasser zurück, hält uns auf Trab, sorgt für negativen Stress. Scharfkantige Steine werden im Meer sichtbar, Termine hängen wie Algen über den messerartigen Riffen – die Zeit ist knapp.